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ES IST SCHWIERIG

Wie Eltern die ‘Corona-Zeit’ erleben:
Die syrische Familie Al Barmawi im Interview. “Wir möchten normal leben”, das ist ihr größter Wunsch.

Die Corona-Beschränkungen sind mittlerweile zum Teil wieder gelockert worden. Wie hart es im anfänglichen strengen Lockdown war und auch jetzt noch für Eltern mehrerer Kinder ist, davon berichtet die syrische Familie Al Barmawi im Interview.
Das Interview wurde Ende Mai 2020 geführt.

Durch die aktuelle Situation mit dem Coronavirus hat sich ja das Leben für viele grundlegend geändert. Wie hat sich euer Alltag verändert? Was macht ihr anders?

Wir haben unser komplettes System geändert. Zum Beispiel unsere große Tochter Marya, die jetzt in der ersten Klasse ist, ist seit zwei Monaten zuhause. Die ersten zwei Wochen waren sehr kompliziert. Das Zuhause bleiben und nicht draußen spielen zu können und auch ohne Schule und ohne System war er sehr schwierig. Zum Beispiel geht Marya normalerweise um halb acht ins Bett, jetzt oft um neun oder auch um zehn. Das ist ehrlich schwierig für uns. Wir haben noch zwei Zwillinge bekommen. Sie sind einen Monat alt. Und die machen viel Arbeit.

Dann habt ihr insgesamt jetzt weniger Zeit? Viele reden ja jetzt davon, dass sie viel Zeit haben und im Gegensatz zu ihrem stressigen Alltag eine große Entschleunigung bemerken.

Wir haben keine Zeit. Wir geben unsere Zeit für Marya. Jetzt, mit den Hausaufgaben zuhause, Mathe, Deutsch, Sozial. Talia ist noch vier Jahre alt und braucht ein bisschen Vorschule. Wir sprechen zuhause arabisch.

Marya, verstehst du was im Moment passiert? Warum du nicht draußen mit deinen Freunden und Freundinnen spielen darfst?

Marya: Ja.
Vater: Marya, warum bleibst du im Moment zuhause und kannst nicht draußen spielen?
Marya: Weil da das Coronavirus ist.

Und Marya, wie ist das für dich nicht in die Schule zu gehen und draußen spielen zu dürfen?

Marya: Unfair.
Vater: Ist das schwierig?
Marya: Schwierig.

Wie lernt Marya im Moment?

Wir versuchen alle Informationen über das Internet für Marya zu bekommen. Wir hatten auch Kontakt zu der Schule, dann konnten wir die Bücher da abholen. Dann war es mit den Büchern und den Hausaufgaben alles okay. Aber in der ersten Woche war es sehr schwierig.

Bekommt ihr auch Unterstützung von den Lehrer*innen? Gibt es Telefonate?

Nur E-Mails.

Hättet ihr euch noch Unterstützung gewünscht? Zum Beispiel für die Betreuung der Kinder, weil sie ja sonst normalerweise nicht den ganzen Tag zuhause wären?

Also alles war schwierig. Wir haben eine kleine Wohnung und sind sechs Personen. Marya braucht ihr eigenes Zimmer und Talia kommt immer rein und möchte mit Marya spielen. Marya muss aber auch lernen. Das bringt kleine Probleme.

Also kommt es jetzt auch manchmal zu Konflikten, die es so vorher nicht gegeben hat?

Vater: Ja natürlich.
Mutter: Jeden Tag. Jede Stunde.
Vater: Talia nimmt oft die Sachen von Marya. Und Marya hat ihre eigenen Sachen, wie Bleistifte, Bücher und Papier. Talia möchte auch lernen wie Marya. Wir haben keine Zeit für Talia. Wir können ihr nicht so viel Zeit geben.

Habt ihr im Moment irgendwelche Möglichkeiten, Euch mit anderen auszutauschen? Kontakte, die ihr auch in dieser Situation weiter pflegt?

Nein, nein. Wir sind zuhause. Nur ich gehe zum SKF oder zum Supermarkt und wieder zurück.

Habt ihr noch Familie oder Freund*innen in Syrien, zu denen ihr Kontakt habt?

Wir haben nur Kontakt über das Telefon, aber keinen Besuch. Das dürfen wir ja nicht.

Im Moment machen sich alle viele Sorgen um ihre Liebsten, vor allem um die älteren Risikopatient*innen. Wie ist das, wenn die Familie weit weg lebt? Wie ist die Situation mit Corona in Syrien?

In Syrien ist das anders. In Syrien herrscht Krieg und da bleibt man normalerweise zuhause. Niemand geht nach draußen, weil Krieg in Syrien ist.

Habt ihr durch die aktuelle Situation etwas Neues gelernt? Über die Familie oder über euch selbst?

Wir haben Geduld, aber jetzt haben wir noch größere Geduld.

Nehmt ihr auch etwas Schönes aus der Zeit gerade mit?

Mutter: Immer zuhause mit der Familie zu sein, das ist positiv. Aber das ist auch das Einzige. Auch wenn es viel Stress gibt.

Durch die Krise teilen im Moment alle Menschen ein ähnliches Schicksal. Alle müssen zuhause bleiben, alle machen sich Sorgen. Habt ihr das Gefühl, dass die Menschen jetzt netter miteinander umgehen? Hattet ihr nette Begegnungen in letzter Zeit, zum Beispiel mit Nachbarn?

Wir haben keinen Kontakt zu unseren Nachbarn, aber zwei Nachbarn haben uns kontaktiert und gefragt, ob wir Hilfe brauchen. Wir mussten zweimal für eine Untersuchung zum Arzt und dann haben wir Marya und Talia bei unseren Nachbarn gelassen. Und das war sehr, sehr schön.

Im Moment werden ja auch alle Maßnahmen ein wenig gelockert und Marya darf wieder zur Schule gehen.

Heute war ihr erster Schultag und sie hat eine halbe Stunde nur erzählt, wie es ist mit den Lehrern und so wenig Kindern in der Klasse. Sie konnte jetzt noch keinen richtigen Kontakt zu den anderen haben, weil sie immer Abstand halten müssen.

Und was macht ihr als Erstes, wenn alles vorbei ist?

Wir möchten normal leben. Mit unseren Freunden und unseren Nachbarn. Und auch wieder jeden Tag zum SkF gehen.

Vielen Dank!

Das Interview mit Familie Al Barmawi haben Hannah Kraus und Johanna Kulozih geführt.

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