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Meine erste Zeit in Deutschland

Die Irakerin Tabarak erzählt im Interview mit der Journalistin Sawsan Ibrahim, wie es ihr erging, nachdem sie aus dem Irak nach Wuppertal kam.

Sprachversionen:
Deutsch | Arabisch

Foto © Temple of Art | Wuppertal

Möchtest du dich vorstellen?

Ja, gerne. Ich heiße Tabarak. Ich bin seit sechs Jahren verheiratet und ich habe zwei tolle Kinder: Meine Tochter ist vier und mein Sohn ist drei Jahre alt. Ich bin 25 Jahre alt. Ich komme aus dem Irak und lebe nun seit über vier Jahren in Deutschland.

Wie bist du hierher gekommen?

Wir kamen über die Türkei und dann das Meer, als meine Tochter sechs Monate alt war, und erreichten so Griechenland. Dann ging es weiter mit Zügen und Bussen, wir waren fünf Tage lang unterwegs. Es war sehr schwierig…

Was geschah dann, als ihr in Deutschland angekommen seid?

Am Anfang nach unserer Ankunft war alles anders: Die Menschen, die Straßen, die Natur, das ganze Leben. Besonders aber die Sprache. Alles war schwierig für uns – wir mussten ein ganz neues Leben anfangen. Aber das Schwierigste war wirklich die Sprache, die wir noch nie vorher gehört oder gar erlernt hatten.
Aber ich konnte Englisch, das hat mir sehr geholfen in Deutschland. Das Schöne an Deutschland ist die Sicherheit für meine Kinder und mich, sie haben eine sichere Zukunft.
Was sehr schwer ist, ist, dass ich so weit von meiner Mutter, meinem Vater, meinen Schwestern und meiner Familie entfernt bin. Hier gibt es niemanden aus meiner Familie in Deutschland.
Am Anfang lebte ich im Lager, drei Monate lang. Dort im Lager arbeiteten Deutsche. Sie halfen uns. Es gab eine Frau namens Birgit und ihren Ehemann. Mit ihnen erlebten wir das erste deutsche Fest, Sylvester. Das war eine neue Erfahrung für meine Familie und mich, eine neue Tradition, die wir kennenlernten. Wir konnten mehr und mehr Beziehungen aufbauen dann.

Ich blieb drei Monate in der Nähe der Stadt Aachen an der belgischen Grenze und zog dann in die Stadt Wuppertal – eine Stadt, die ich nicht kannte. Ich hatte noch nie davon gehört. Alles war für mich neu. Wir kamen in Wuppertal an, alles war wunderschön, besonders die Schwebebahn: ich sah einen Zug in der Luft hängen!

Ich kam nach Wuppertal und sah einen Zug
in der Luft hängen!

Wir bekamen eine Wohnung. Eine deutsche Freundin kam mit mir und ihrem Mann. Sie halfen mir mit meinen Papieren und arrangierten sogar die Wohnung. Von hier ab hatte ich ein schönes Zuhause in Deutschland, nach Tagen voller Stress und Sorgen – das war ein schönes Gefühl.

Ich kaufte Süßigkeiten und
verteilte sie an meine Nachbarn

Meine Nachbarn in der neuen Wohnung waren alle Deutsche. Zu Beginn der ersten Woche lernte ich meine Nachbarn kennen. Ich ging zum Supermarkt, kaufte Süßigkeiten und verteilte sie an die Nachbarn. Ziel war es für mich, Beziehungen aufzubauen und mich zu integrieren, Teil der deutschen Gesellschaft zu sein. Ich klopfte an Tür und Tür und sagte zu ihnen: „Ich bin dein neuer Nachbar. Wir sind aus dem Irak und neue Flüchtlinge in Deutschland. Wir entschuldigen uns, wenn wir beim Einzug vorige Woche Lärm gemacht haben.“
Sie waren gute Menschen, ich mochte sie und sie mochten mich. Von da an begann die Beziehung zu ihnen. Es sind die ersten Menschen, die ich hier in der Stadt Wuppertal kennengelernt habe.
Die Nachbarin, die im ersten Stock wohnte, war eine Deutsche polnischer Herkunft, Ruba. Sie und ihr Mann sind etwa 75 Jahre alt. Sie haben keine Kinder.
Ruba sprach gern mit mir. Sie half mir sehr, zum Beispiel beim Einkaufen mit ihrem Auto. Sie war sehr nett zu uns und meine Tochter nannte sie Großmutter.
Sie war auch sonst sehr freundlich zu mir. Wir trafen uns und sie gab mir Dinge, die mir halfen, zum Beispiel Bettwäsche, Küchenutensilien, alles. Alles, alles, was ich im Fernsehen sehen konnte… Sie kochten deutsches Essen, und ich kochte aus der Arabischen Küche, die Beziehung wurde wie in einer Familie und sie brachten mir Deutsch bei.

Integration in Deutschland bedeutet für mich nicht, in die Schule zu gehen und Sprachkurse zu besuchen.

Was bedeutet Integration für dich?
Integration in Deutschland bedeutet für mich nicht, in die Schule zu gehen und Sprachkurse zu besuchen.
Das hilft nicht. Das Mischen mit den Deutschen ist der beste Weg, um zu lernen.
Die Mehrheit der Ausländer zögert, sich unter die Deutschen zu begeben und zu sprechen. Deutsche verstehen sehr gut, was man meint, wenn man mit ihnen spricht, trotz vieler Fehler, und sie korrigieren sie dann.

Wie ging es weiter mit Dir?
Als mein Sohn geboren wurde, hatte ich eine schwierige Phase der Schwangerschaft und Geburt, und ich hatte niemanden hier – weder meine Mutter noch meine Schwestern, niemand war hier in Deutschland.

Er war sehr hart. Aber jetzt ist Youssef drei Jahre alt, und mir geht es nun gut. Alles ist in Ordnung. Meine Tochter kam in den Kindergarten und auch Youssef geht bald dorthin.
Außerdem haben wir eine Katze zu Hause, die mit meinen Kindern spielt. Ich habe gerne ein Haustier zu Hause. Und meine Kinder lernen, davor keine Angst zu haben.

Ansonsten hat sich meine Tochter in der Tanzschule eingeschrieben, weil das ihr Hobby ist und sie Tanzen sehr liebt. In einem Monat wird sie zum Schwimmunterricht gehen, weil sie schwimmen lernen will.

Trotz der Distanz zu meiner Familie gibt es in diesem Land eine Zukunft, und das Wichtigste ist die Sicherheit. Im Irak gibt es Krieg, Angst und Terror, Hungersnot und auch Entführungen.

Nach der Geburt meines Sohnes zog ich in ein größeres Haus und mein Mann bekam eine Anstellung. Ich lernte zu Hause und erhielt ein Zertifikat. Ich ging nicht mit hohem Niveau zur Schule. Aber diese Ausbildung half mir. Nach einer Weile werde ich mit dem Training beginnen und dann arbeiten.

Was mich betrifft, ist es schwierig, daran zu denken, in den Irak zurückzukehren, da das lebensbedrohlich ist. Das Risiko besteht, dass ich meine Kinder verlieren kann, wenn ich in den Irak zurückkehre.
Trotzdem vermisse ich meine Familie, weil sie dort sind und ich vermisse hier jene Tage, als wir zusammen in einem Haus miteinander lebten.
Aber die Zukunft meiner Kinder ist mir am wichtigsten.

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